FIT OHNE ZWANG (Leseprobe)

Moin!

Ich stehe auf Superhelden-Geschichten. Die Serie „Heroes“ habe ich verschlungen wie keine andere, und ich mag die Art von Filmen am liebsten, in denen jemand eine Superpower hat.

Ich stelle mir einfach so gern vor, wie es wäre, plötzlich etwas Außergewöhnliches zu können. Mir ist erst mal egal, ob es sich dabei um Fliegen, Teleportieren oder übermenschliche Kräfte handelt. Ich sehe gerne zu, wie sich ein Mensch entwickelt und wie sich seine Welt und seine Wahrnehmung verändern, weil er auf einmal zu Dingen fähig ist, die er sich selbst nicht erträumt hätte.

Natürlich hielt ich das bisher alles für Fiktion. Schließlich ist das alles nur im Reich der Fantasie möglich – oder doch nicht? Mag sein, dass wir keine Flugfähigkeiten entwickeln und auch niemand von uns lernt, ein Auto allein hochzuheben. Dennoch können wir Fähigkeiten entwickeln, die unser Leben, unsere Wahrnehmung, unsere Weltsicht und auch unsere Rolle in diesem Gefüge verändern.

Superheldenfilme, aber auch andere Filme wie „Plötzlich Prinzessin“, „Harry Potter“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Star Wars“ laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Es ist die klassische Heldenreise, wie sie schon Odysseus absolviert hat. Dieses Handlungsgerüst dient nicht umsonst so häufig für Geschichten, denn es ist Teil des Lebens. Nicht unser Leben als Ganzes ist eine Heldenreise – es besteht vielmehr aus lauter kleinen und großen Geschichten, die nach diesem Schema ablaufen. Wir alle haben schon die ein oder andere Heldenreise vollbracht, daher finden wir uns in so vielen Geschichten wieder und sympathisieren mit den Figuren. Es geht nicht dauernd aufwärts, es ist ein Auf und Ab. Und wenns gut läuft, bleiben wir nicht mittendrin hängen, sondern gelangen an unser Ziel.

Wenn du dieses Buch hier liest, bist du schon die ersten Schritte einer neuen Heldenreise gegangen. Setzt du deine Reise fort, wirst du nicht nur körperlich fitter werden. Welchen Herausforderungen des Lebens du auch immer entgegen trittst, deine körperlichen Fähigkeiten bringen dich auch dort weiter. Damit du weißt, was dich erwartet, sehen wir uns das Schema der Heldenreise an:

  1. Die langweilige Welt: Du machst dein Ding, jeden Tag das gleiche. Die gleichen Leute, die gleichen Sätze, die aufgesagt werden und kein Ende in Sicht.
  2. Der Ruf: Eine Aufgabe zeigt sich oder ein neuer Weg, den du gehen könntest. Der erscheint aber anstrengend, ungemütlich oder risikoreich. Du lässt es bleiben.
  3. Der Ausschlag: Entweder ein Mentor, oder ein Buch geben den Ausschlag, dass du die Reise doch antrittst. Dein Abenteuer beginnt ...
  4. Es gibt kein Zurück mehr: Du legst nicht nur los, sondern reißt alle Brücken hinter dir nieder. Du weißt: Es gibt kein Zurück mehr.
  5. Es wird ungemütlich: Du triffst auf Gegner, unerwartete Ereignisse und Hindernisse, die du überwinden musst. Du findest heraus, wer deine Verbündeten sind und wer (oder was) dein Feind ist.
  6. Die große Prüfung: Diese Station bringt dich dazu, deinen Weg zu hinterfragen. Warum bist du überhaupt aufgebrochen? Was hast du dir erhofft? Zweifel müssen überwunden, eventuell neue Ziele gesteckt werden.
  7. Der Endgegner: Du überwindest deinen Endgegner ein für alle mal und findest das, wonach du gesucht hast.
  8. Die Rückkehr: Du kehrst zurück in den Alltag und triffst zunächst auf Unglauben und Unverständnis.
  9. Das Ende der Reise: Du kannst das Alltagsleben mit den neu errungenen Fähigkeiten vereinen. Du teilst dein Wissen und erhältst Anerkennung.

Wo befindest du dich? Hast du den Ruf schon gehört? Bist du die Reise schon angetreten? Hast du bereits erste Hindernisse zu spüren bekommen? Oder bist du bereits beim Endgegner angelangt? Manchmal ist es angebracht, erst mal einen Schritt zurückzugehen, bevor man zwei vorwärts machen kann. Gib nicht auf und behalte dein Ziel im Auge. Und wenn es sein muss: Steck dir ein neues.

Mach deine Schwächen zu Stärken und deine Stärken zu Superkräften

„Life isn’t about finding yourself. Life is about creating yourself.“
– George Bernard Shaw

Du wirst anders aussehen und dein Körper wird sich anders anfühlen. Alles wird straffer und fester sein. Das ist aber nur die äußerlich sichtbare Veränderung. „Fit sein“ verändert ebenso deine Art zu fühlen und zu denken. Wenn deine Fitness steigt, wirst du glücklicher und deine Stimmungen ausgeglichener. Du gewinnst an Selbstbewusstsein.

Nicht (nur) weil du besser aussiehst, sondern weil du so viel mehr trainierst, als nur deinen Körper. Während du körperlich stärker wirst, wächst auch deine innere Stärke. Verbesserst du deine Dehnbarkeit, spürst du auch deine mentale Flexibilität wachsen. Wird dein Körper ausdauernder, steigt dein Durchhaltevermögen auch in anderen Bereichen.

Bewegung ist so essenziell wie Essen, Atmen, Trinken und Schlafen. Ärzte empfehlen es bei Depression, Rückenschmerzen oder Übergewicht. Wer fit ist, lebt besser. Warum ist also nicht jeder fit und glücklich, wenn es doch so einfach ist? Warum haben Manche genug Motivation, sich regelmäßig zu bewegen, aber andere nicht?

Weil jeder anders ist. Ein anderer Körper, eine andere Geschichte, andere Voraussetzungen. Wir tragen zwar alle die Möglichkeit in uns, stark, selbstbewusst und furchtlos zu sein, nur den individuellen Weg dahin muss jeder für sich selbst finden.

Es geht nicht darum, dich zu verbiegen, sondern so gut wie möglich du selbst zu sein. Was wünschst du dir von deinem Leben? Welche unerfüllten Träume hast du? Wenn du dir „einen besseren Körper“ wünschst, handelt es sich dabei nicht unbedingt um einen oberflächlichen Wunsch. Was versprichst du dir von einem „besseren Körper“?

Mit diesem Buch hast du einen praktischen Leitfaden, mit dem du herausfinden kannst, welcher Sport und welche Art der Bewegung perfekt für dich und deine Bedürfnisse ist. Das ist aber nur der erste Schritt, denn es geht nicht nur darum, den Weg zu kennen, man muss ihn gehen. Dazu gehören Motivation und Beharrlichkeit, aber auch die kann man trainieren. Es wird einfach sein, weil du lernst, wie du dir selbst den Weg frei machst. Du wirst deine Stärke und Flexibilität fühlen und für alles bereit sein.

1.1 Warum du dich selbst gut kennen solltest

„Das Verhalten eines Menschen ist fest in dem Selbstbild verankert, das dieser sich aufgebaut hat.
Wenn jemand also sein Verhalten ändern möchte, wird es notwendig sein, dieses Bild zu ändern.“

– Moshé Feldenkrais, Physiker, Judo- und Bewegungslehrer (*1904; †1984)

Wie siehst du dich selbst?
Was würdest du antworten, wenn man dich fragen würde:
„Wer bist du?“
Oder noch schwieriger: „Wie bist du?“

Die meisten Menschen definieren sich über einen Namen, ihr Alter, den Beruf, einen Ort oder eine Menschengruppe, der sie sich zugehörig fühlen. Eine große Rolle spielen auch Glauben, Interessen, Ausbildung, Attraktivität und Status. Damit einher geht das Bild eines Ichs, das getrennt vom Körper betrachtet wird. „Mein Körper“ steht quasi auf gleicher Stufe mit dem Kram, den man im Laufe der Jahre ansammelt.

Er wird als Besitz gesehen, mit dem man entweder Glück hätte, wenn sich die „guten Gene“ durchgesetzt haben, oder eben Pech, wenn man den dicken Po von der Oma oder die kurzen Beine vom Papa geerbt hat. Der Körper erscheint als Eigentum, den man wahlweise schinden müsse, um ihn in eine bestimmte äußere Form zu bekommen, oder aufmotzen, um ihn als Kapital einsetzen zu können – sei es, weil attraktivere Leute den besseren Job oder den besseren Partner abkriegen würden.

Diese Einstellung zu uns selbst geht auf Dauer nicht gut. Wir merken es daran, dass uns Diäten nur noch dicker machen, wir Sportprogramme nicht durchhalten und am Ende nicht annähernd so zufrieden mit uns selbst sind, wie wir es gerne wären. Der Po ist immer noch zu dick und der Bauch nicht flach genug. Unsere Unzufriedenheit mit uns selbst bringt uns in die unmündige Lage, die Allheils-Versprechen der Diäten, Ernährungsideologien und Sportkonzepte zu glauben.

Jeder behauptet, er habe das Einzige, das wirklich funktioniert.
Die Wahrheit ist: Niemand hat es. Es gibt keine allgemein gültige Methode, weil jeder Mensch anders ist, einen anderen Stoffwechsel hat, einen anderen Geschmack und andere Bewegungsmöglichkeiten. Nur du selbst kannst präzise herausfinden, was du wirklich brauchst. Denn deine Handlungen, deine Gedanken, dein Atem und auch jeder äußere Reiz haben Einfluss auf deinen Körper. Wer könnte es also besser wissen als du selbst?

In den folgenden Kapiteln wirst du lernen, wie du dich selbst in aller Klarheit wahrnehmen kannst. Du erhältst das Wissen, das du brauchst, um Verantwortung für deine persönliche Entwicklung zu übernehmen. Du wirst keinen Ideologien mehr nachjagen müssen, weil du einfach das tust, was dir selbst leicht fällt und gut tut.

In diesem Kapitel lernst du, wie dein Körper funktioniert und was dich wirklich ausmacht. Dein Bewusstsein, Nervensystem und dein Bewegungsapparat sind eine Einheit, die nur gemeinsam funktionieren. Wir sehen uns an, was dich darüber hinaus beeinflusst und zu dem macht, was du bist: deine Umwelt und deine soziale Vernetzung.

Zuerst gehts darum, die Zusammenhänge zu erkennen. Denn wenn du weißt, was dich wirklich bewegt und in Bewegung hält, musst du nur noch eins tun: eine Entscheidung treffen.

„Du kennst die Welt da draußen. Du kennst ihre Irrwege. Und ich weiß, dass du die nicht gehen willst.“
– Morpheus, The Matrix

1.2 Deine Atmung

Atmung ist der zentrale Prozess deines Körpers. Sie passiert von allein, also ganz automatisch und wird beeinflusst von deinen Gefühlen und Gedanken. Andersherum beeinflusst deine Atmung ihrerseits auch deine Gedanken und deine Gefühle. Wirst du dir deiner Atmung bewusst, schärfst du damit dein Bewusstsein für deine Gefühle. Du erlangst ein deutlicheres Körpergefühl und dadurch mehr Ausdauer, Kraft, Stabilität und Flexibilität. Wenn deine Atmung nämlich blockiert und angestrengt ist, sind auch deine Bewegungen verkrampft. Atmest du hingegen frei und entspannt, führt das zu lockerer, effizienter Bewegung.
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Deine Atmung ist frei, ...

  • wenn die körperlichen Voraussetzungen stimmen. Das heißt, wenn deine Lungen und Bronchien gesund sind. Sicher ist dir schon aufgefallen, dass deine Atmung schwerfällig wird, wenn du erkältet bist, oder eine geschwollene Nase hast durch eine allergische Reaktion.
  • wenn die Umweltbedingungen gut sind, also die Luft frisch und sauber ist. Je häufiger du Situationen schaffst, in denen du „richtig durchatmen“ kannst, desto besser.
  • wenn du friedliche Gefühle hast, also frei bist von Stress, Sorgen, Frust oder Angst. Da deine Atmung deine Gefühle widerspiegelt, ist sie umso befreiter, je befreiter du auch innerlich bist.
  • wenn deine Bewegung unverkrampft ist. Ziehst du ständig deinen Bauch ein, blockierst du deine Atmung, weil du absichtlich die Muskulatur verkrampfst, die du eigentlich für eine entspannte Atmung brauchst.
  • wenn sie nicht erzwungen wird. Das heißt, wenn du deine Atmung von selbst fließen lässt. Sehr weit verbreitet ist der Mythos, man müsse beim Sport die Atmung kontrollieren. Der Klassiker: Beim Joggen eine gewisse Zahl an Schritten ein- und wieder ausatmen. Eine freie Atmung hilft dir viel besser bei Seitenstechen als kontrollierte Pressatmung (oder Luft anhalten, weil man die 3 oder 4 Schritte noch nicht fertig hat). Befreite Atmung macht das Laufen angenehmer und dich effektiv ausdauernder.

Was du tun kannst, um deine Atmung zu verbessern

Du kannst deine Atmung verbessern, ohne absichtlich einzugreifen, indem du einfach Kontakt mit ihr aufnimmst. Du beobachtest was passiert und experimentierst ein wenig. Mit der Zeit werden sich die Atemreflexe von selbst optimieren.
Du kannst jetzt sofort damit anfangen:

  • Beobachte deine Atmung, ohne etwas daran zu verändern. Spüre wie die Luft in deine Lungen strömt. Und wie sie wieder zurück in die Welt hinausströmt. Beobachte sie einige Atemzüge lang und versuche nicht darüber zu urteilen. Denke nicht darüber nach, ob das nun „schlecht“, oder „gut“ ist, was da passiert. Beobachte einfach nur. Wenn du magst, kannst du die Augen dabei schließen.
  • Was ist länger? Deine Ein- oder deine Ausatmung?
  • Was passiert mit dir, während sich die Lungen füllen? Wie bewegt sich der Brustkorb? Und wie bewegt sich der Bauch? Was schwillt zuerst an? Und wenn du ausatmest, was schrumpft zuerst? Der Bauch oder der Brustkorb?
  • Wie wirkt sich deine momentane Haltung auf deine Atmung aus? Was kannst du an deiner Haltung verändern, damit die Atmung befreiter wird?

In den späteren Kapiteln findest du auch Übungen zur Verbindung zwischen Bewegung und Atmung. Übe zuerst ohne Bewegung, das ist am einfachsten und schafft eine gute Basis. Es wäre großartig, wenn du einmal pro Tag Kontakt zu deiner Atmung aufnimmst, zum Beispiel als Teil deiner Morgenroutine, wenn du unter der Dusche stehst oder in der Badewanne liegst. Vor dem Schlafen ist auch ein guter Zeitpunkt. Während du immer tiefer entspannst, kannst du beobachten, wie sich deine Atmung verändert.

Beobachte auch, wie sich deine Atmung in verschiedenen Alltagssituationen verändert. Wie ist sie, wenn du aufgeregt bist, oder wenn du dich freust? Beobachte auch die Atmung von anderen Leuten. Dabei kannst du sehr viel über andere Menschen erfahren. Es gibt sogar Situationen, in denen sich deine Atmung mit der von anderen synchronisiert, zum Beispiel in Gesprächen, beim Tanzen oder beim Sex. Meistens passiert das ganz unbewusst. Wenn du die Simultan-Atmung zudem bewusst wahrnimmst, erlebst du die Verbindung zwischen dir und jemand anderem intensiver. Probiers mal aus.

1.3 Dein Bewusstsein und Denkvermögen

Menschliche Bewegung – und was das Nervensystem damit zu tun hat

Als du zur Welt gekommen bist, konntest du weder krabbeln noch laufen. Wurden deine Sinne stimuliert, wie zum Beispiel die Ohren durch ein Geräusch oder die Augen durch Licht, konnte dein Gehirn das erst mal gar nicht verarbeiten. Was auf dich eingeprasselt ist, konntest du nicht interpretieren. Du warst einfach nur da und hast existiert. Lediglich deine grundlegenden Körperfunktionen funktionierten auf Anhieb: Atmung, Herzschlag, Verdauung und andere lebenswichtige Abläufe.

Es gibt Tiere, die binnen weniger Minuten nach der Geburt auf den Beinen stehen können, andere brauchen ein paar Wochen. Aber keins braucht so lange um selbständig zu werden, wie der Mensch. Warum ist das so?

Das menschliche Gehirn kommt als nahezu unbeschriebenes Blatt zur Welt. Der größte Teil des Nervensystems ist anfangs noch ohne Verbindungen. Um dich koordiniert bewegen zu können, musste sich dein Gehirn erst verschalten. Die Verbindungen kamen durch Lernen zustande. Du hast gelernt Sinneseindrücke zu interpretieren, gelernt wahrzunehmen, gelernt dich umzudrehen, gelernt zu krabbeln, gelernt zu laufen, gelernt zu brabbeln, gelernt zu musizieren, gelernt zu schreiben. Alle deine Fähigkeiten sind angelernt. Ob du nun unsportlich oder athletisch präzise koordiniert bist, hängt damit zusammen, auf welche Weise du gelernt hast, dich zu bewegen.

Dass wir so unbeschrieben auf die Welt kommen, hat einige Vorteile. Unabhängig von unserer Herkunft können wir jede Sprache dieser Welt lernen und alle möglichen intellektuellen Leistungen vollbringen, wenn nur der passende Anreiz und die Umstände gegeben sind, die es möglich machen. Auch unsere körperliche Entwicklung ist flexibel und hängt von der des Nervensystems ab. Wir können Feinmechaniker sein, Bergsteiger, Taucher, Langstreckenläufer oder ganz viele solcher Fähigkeiten in uns vereinen. Wir kommen nicht automatisch mit dem Bewegungsrepertoire der „Jäger und Sammler“ ausgestattet zur Welt, nur weil unsere Vorfahren das mal drauf hatten. Jeder Mensch fängt ganz von vorne an und hat dabei enorm viele Entwicklungsmöglichkeiten.

Weil es unzählig viele Möglichkeiten gibt, eine Sache zu tun, gibt es auch unzählige Möglichkeiten, dabei etwas falsch zu machen. Schau dich mal um, wie andere Menschen stehen und gehen. Rundrücken, Hohlkreuz, eine hochgezogene Schulter, ein verspannter Nacken – irgendwo scheint bei so gut wie jedem der Wurm drin zu sein, denn eine fehlerfreie Entwicklung gibt es nicht. Körper und Psyche bedingen sich gegenseitig. Das Erlebte und auch die Gefühle spielen eine große Rolle bei der Koordination und spiegeln sich sichtbar in den Bewegungsmustern wider. Man trägt immer einen Ausdruck in der Haltung, der anzeigt, wie man sich selbst und seine Fähigkeiten einordnet: mächtig, unbedeutend, zugehörig, ausgeschlossen ...

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Bevor du komplexe Gefühle hattest, kanntest du nur Neugier. Du hast gelernt deinen Kopf zu drehen, weil du neugierig warst, was es um dich herum zu hören und zu sehen gab. Schmecken und Riechen fandest du sicher auch sehr spannend, denn du hast dir mit deinen Händen Sachen in den Mund gesteckt. Neugier trieb dich an, dich selbst auf den Bauch zu drehen und später krabbelnd deine Umwelt zu erkunden. Du musstest dich nicht aufraffen, nicht aufgefordert oder gar gezwungen werden. Du hast es einfach getan, weil du wissen wolltest, was es Spannendes am anderen Ende des Zimmers gab.

Das Krabbeln war ein mega wichtiger Schritt in deiner Bewegungsentwicklung. Denn nur wer gut krabbeln kann, dem fällt später auch das Laufen leicht.

Krabbeln kann man auf verschiedene Arten. Erst wenn du verinnerlicht hast, wie kontra-laterales Krabbeln funktioniert („kontralateral“ bedeutet gegenläufig, das heißt, dass die linke Schulter nach vorne kommt, wenn die rechte Seite des Beckens vorne ist; Becken und Schultergürtel drehen also gegengleich.), kannst du später einen geschmeidigen Gang entwickeln. Auf zwei Beinen laufen, noch bevor es auf allen Vieren gut funktioniert, ist wie Longboard fahren, bevor man überhaupt Laufen kann. Jeder Abschnitt braucht seine Zeit und manche bauen aufeinander auf.

Nun gibt es aber keinen Lehrplan und die Bewegungsentwicklung läuft nie perfekt ab. Zum Beispiel wenn man als Kind dazu angehalten wird, auf zwei Beinen zu laufen, obwohl man eigentlich noch gar nicht so weit ist, weil man die Krabbel-Lektion noch gar nicht bewältigt hat. Oder weil man gelernt hat, dass es leichter ist, zu quengeln bis man auf den Bauch gedreht wird, anstatt zu lernen, sich selbst umzudrehen. Wir gehen immer den Weg des geringsten Widerstandes. Und das ist gut so, denn auf diese Weise lernen wir, uns effizient zu bewegen. Aber es sind eben nicht nur die Schwerkraft und unsere Anatomie, die unsere Bewegungen bestimmen – sondern auch unsere Umstände.

Stellen sich bestimmte Bewegungsmuster als bewährt heraus, zum Beispiel sich klein und unterwürfig zu machen, übernehmen wir sie in unser festes Bewegungs-Repertoire. Zusätzlich erhalten wir eine Menge Anweisungen von außen, wie wir uns bewegen sollten. Zum Beispiel den Klassiker „Sitz gerade!“, der meistens dazu führt, dass wir eine Zwangshaltung einnehmen. Später versteifen dann Muskeln, Asymmetrien wie Skoliosen bilden sich aus und Gelenke verschleißen frühzeitig, weil durch ineffizente Bewegung mehr Zug oder Druck ausgeübt wurde, als die Gelenke auf Dauer aushalten können.

Fühlst du dich tolpatschig, unsportlich, oder unsicher? Es besteht die Chance, dass du ein völlig neues Körpergefühl gewinnst, wenn du ein paar der Bewegungsmuster neu erlernst. Es ist nie zu spät. Du kannst das heute nachholen, was du als Kind übersprungen hast.

Du kannst zum Beispiel die Übung „Panther“ auf meinem Youtube-Kanal in deine Workout-Routine einbauen. Es muss gar keine Fitness-Übung im eigentlichen Sinne sein, du kannst auch einfach spielen: Kullere auf dem Boden rum und probier aus, was du mit deinem Körper alles anstellen kannst. Spiel mit den Füßen, rolle über den Boden, leg dich hin, setz dich wieder auf, krabbel ein Stück ... Vielleicht fühlst du dich im ersten Moment total bescheuert, deshalb sorge dafür, dass du ungestört bist und du wirst dich daran gewöhnen. Bei dieser „Übung“ musst du aufhören, dich selbst ernst zu nehmen. Wenn du das geschafft hast und spielerisch deine Bewegungsmöglichkeiten erkundest, macht es Spaß und bringt dich in deiner Bewegungsentwicklung weiter.

Du kannst deine Haltung und Bewegungsmuster nicht verbessern, indem du dich in eine vermeintlich „gesündere Position“ begibst. Du kannst dir aber effizientere Reflexe aneignen. Dabei ist nicht nur wichtig, was du tust, auf welche Art oder wie oft; es ist auch wichtig, in welcher Verfassung du bist.

Unsere Psyche und unser physischer Körper sind eins. Das geht sogar so weit, wenn wir zum Beispiel ein heftiges Gefühl der Angst verspüren (Spinne? Höhe? Was ist es bei dir?), wir den Körper gar nicht mehr unter Kontrolle haben.

Als ich in Mexiko war, kam eines Abends eine riesige Cucaracha durchs Zimmerfenster geflogen. Daraufhin bin ich so blitzschnell vom Bett ins Bad geflüchtet, dass ich erst begriffen hatte was passiert war, als ich mich im Bad wiederfand und die Tür hinter mir zugemacht hatte. Es war sehr eindrucksvoll, wie die (mehr oder weniger berechtigte) Panik meinen Körper übernahm, und ich weder die Zeit noch die Macht hatte, willentlich einzugreifen.

Durch den körperlichen Ausdruck werden Gefühle Realität. Wie real fühlt sich Traurigkeit an, wenn du die Schultern hängen lässt? Und wie real fühlt sich Traurigkeit an, wenn du mit erhobenem Haupt beschwingt dahinschlenderst?

Welche Gefühle beherrschen deinen Alltag?

Wenn du einen entspannten, starken Körper möchtest, hilft es dir nicht, wenn du an deinem Körper herumzerrst, damit er so aussieht als wäre er stark und entspannt. Du musst dich statt dessen langsam darauf zubewegen, auch innerlich stark und entspannt zu sein. Andersherum hat auch die Art, wie du dich bewegst, einen Einfluss auf deine Gefühle und sogar auf dein Denken und deinen Charakter.

Ich selbst hatte vor ein paar Jahren ein Schlüsselerlebnis, wie sich etwas, das ich eigentlich bloß als Bewegung durch den Körper erlebte, auch direkt auf mein Handeln ausgewirkt hat:

Es war eine Taijiquan-Stunde, in der ich Tuishou üben durfte. Man steht dabei einem Partner gegenüber und berührt sich mit den Armen und Händen. Es handelt sich dabei um eine Bewegungsschleife, bei der man abwechselnd versucht, dem Druck des anderen nachzugeben, ihn zu neutralisieren und anschließend selbst Druck aufzubauen. Statt gegen die Kraft des Partners zu agieren, geht man zunächst mit dem Flow und nutzt die Kraft des Partners für die eigenen Zwecke. Diese Fähigkeit ließ sich auf so viele Lebensbereiche übertragen! Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Trotz Druck entspannt zu bleiben. Nicht gleich an die Decke zu gehen. Den passenden Moment abzuwarten. Und zu handeln, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Eine ganze Weile hielt sich die Lehrmeinung, etwas grundlegend Neues lernen könne man nur als Kind, und wenn man nicht spätestens im Teenager-Alter damit angefangen hätte, könne man es auch gleich bleiben lassen. Mittlerweile gilt das als veraltet, denn man fand heraus, dass sich die Lernfähigkeit eines 80-jährigen nicht von der eines 8-jährigen unterscheidet, solange eins gegeben ist: die Neugier. Du wurdest geboren, um zu lernen, und zwar ein Leben lang.

Die Entwicklung deiner Oberstübchenkapazität und deine Bewegungsentwicklung sind nicht mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensalters abgeschlossen. Du kannst jederzeit deine Träume ausleben und deine Bewegungsmöglichkeiten ausbauen. Durch dein Nervensystem bist du unwahrscheinlich anpassungsfähig. Wenn du nur neugierig darauf bist, kannst du Klavier spielen, Kung Fu, Tanzen oder Programmieren lernen. Begabung ist keine angeborene Sache, denn auch sie resultiert aus schlichter Neugier. Du kannst alles, wirklich alles lernen. Die einzige Voraussetzung ist: Du musst neugierig sein.

Worauf bist du neugierig?

Deine Entwicklung

Anfangs hattest du keinerlei Orientierung und keine Ahnung was zum „Ich“ gehört und was „nicht ich“ war. Du wusstest nicht, wer du bist, ob du überhaupt bist und hattest auch nicht die Fähigkeit, darüber nachzudenken. Mit der Zeit fingst du an, dich mit Hilfe deiner Sinne in der Welt zu orientieren.

Bei der Orientierung unterstützen dich 3 propriozeptive Empfindungen, die in der Regel alle drei als „Fühlen“ bezeichnet werden:

  • Die erste Empfindung ist dein Bewegungsgefühl, dein kinästhetischer Sinn. Er sagt dir, wo sich deine Körperteile im Verhältnis zueinander befinden oder wie sie sich bewegen.
  • Die zweite Empfindung ist dein Gleichgewichtssinn in deinem Innenohr, der dir deine Lage im Raum mitteilt.
  • Die dritte Empfindung ist die viszerale Empfindung – das, was du von deinen inneren Organen fühlen kannst. Zum Beispiel, wann du aufs Töpfchen musst.

Die sinnliche Wahrnehmung ermöglichte dir auch, deine kognitiven Fähigkeiten auszubauen. Nachdem du gelernt hast, dich und deine Umwelt wahrzunehmen, hast du auch gelernt, dich im Raum zu bewegen, Probleme zu lösen, aufmerksam zu sein und Dinge zu planen. Durch das Lernen einer Sprache kamen sprachlich organisierte Gedanken hinzu.

Dein Bewusstsein entstand, als du gelernt hast, den Augenblick wahrzunehmen und willentlich Entscheidungen zu treffen. Bewusst zu sein ist aber kein Zustand, den man einmal lernt und dann jederzeit hat. In Stresssituationen, oder bei starken Gefühlen wie Angst oder Eifersucht setzt das bewusste Denken häufig aus. Auch Grübeln kann das eigentliche Denken leicht verdrängen.

Je mehr aufmerksame Momente du hast, desto leichter wird es dir irgendwann fallen, dich selbst und die Welt um dich herum in einem höheren Kontext zu sehen. Wenn du es schaffst, die Dinge wie als kleines Kind wertfrei zu betrachten, also ohne alles zu beurteilen (z. B. „schön“, oder „nicht schön“), verpuffen die meisten Probleme von selbst. Alles wird einfacher.

Das Nervensystem trainiert mit

Wenn du deinen Körper trainierst, trainierst du auch den Bewegungsimpuls, den dein Nervensystem an deine Muskeln weitergibt. Dein Wille stellt die Weichen für deine Bewegung, aber es sind deine Reflexe, die dich letztendlich bewegen. Die Körperreaktionen auf den Bewegungsimpuls erfolgen automatisch.

Wir können nicht alles willentlich steuern. Nicht dein bewusstes Denken bewegt deinen Körper, sondern deine Reflexe. Wenn du stolperst, fängt sich der Körper wie von selbst, ganz ohne deine Kontrolle. Du hättest gar nicht genug Zeit, bewusst nachzudenken, was du tun musst, wenn du dein Gleichgewicht überraschend verlierst. Es gibt Leute, die packen sich immer hin, wenn es mal glatt draußen wird. Und dann gibt es welche, die einfach nicht hinfallen – und falls doch, dann ohne sich weh zu tun. Ob du gute Reflexe hast, hängt davon ab, ob sie trainiert sind. Sprich: Ob dein Nervensystem dahingehend verschaltet ist.

Dennoch liegt im Bewusstsein der Schlüssel zur guten Bewegung: Wie bei der Atmung geht es dabei aber nicht um Kontrolle, sondern darum zu fühlen, was passiert. So kann dein Nervensystem mit der Zeit die Reflexe verfeinern und du wirst geschickter, entspannter, ausdauernder, kraftvoller und sogar beweglicher. Du kannst dein Bewegungsgefühl einfacher verbessern, wenn du eine Vorstellung davon hast, wie dein Bewegungsapparat aufgebaut ist und weshalb du so aussiehst, wie du aussiehst.

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